Article: Den Weg nach Hause zeichnen: Pauline Pete über ihren künstlerischen Prozess und die Entstehung von „Das Haus zieht aus“

Den Weg nach Hause zeichnen: Pauline Pete über ihren künstlerischen Prozess und die Entstehung von „Das Haus zieht aus“
Manchmal muss man in die Welt hinausziehen, um den Weg nach Hause zu finden – Illustratorin Pauline Pete über die Entstehung von „Ein Haus zieht aus“ bei Kleine Gestalten. Eine zarte Geschichte von Aufbruch, Sehnsucht und Rückkehr.
Pauline Pete, die Schöpferin von „Ein Haus zieht aus“, schafft mit ihrer unverwechselbaren Handschrift eine Verbindung zu Leserinnen und Lesern aller Generationen. In diesem Interview spricht sie über ihren künstlerischen Prozess, die Themen, die ihre Arbeit antreiben, und darüber, wie sie beim Geschichtenerzählen Kinder und Erwachsene gleichermaßen anspricht.
Kannst du uns etwas über deinen Weg zur Illustration und zum Geschichtenerzählen erzählen? Was hat dich dazu inspiriert, eine Karriere im Bereich Kinderbücher einzuschlagen?
Dass mein beruflicher Weg in eine kreative Richtung führen würde, hat sich
schon sehr früh abgezeichnet. Das Zeichnen war immer ein essenzieller Teil
meines Lebens. Die Freude am eigenen Geschichtenerzählen und das
Erschaffen eigener Welten wuchs jedoch erst während meiner Studienjahre in
Hamburg. Dort entdeckte ich meine Liebe zu kunstvoll gestalteten
Bilderbüchern als Medium, und seitdem hat mich diese Welt der visuellen
Narration nicht mehr losgelassen.
Wie würdest du deine visuelle Sprache beschreiben und wie hat sie sich im Laufe
der Zeit entwickelt?
Es ist oft schwer, das Bezeichnendste der eigenen Arbeit zu benennen, aber
ich glaube, es liegt in der ganz persönlichen Übersetzung der Dinge – wie ich sie
sehe, wie ich Formen finde und Farben wähle. Meine visuelle Sprache ist stark
geprägt von einer Liebe zu analogen Texturen, stofflichen Oberflächen und einer
gewissen nostalgischen Stimmung. Über die Jahre hat sich vor allem mein
Umgang mit den Medien verändert: Ich arbeite heute sowohl analog als auch
digital und möchte beide Welten nicht missen. Diese wechselseitige
Beeinflussung hat meine Bildwelten bereichert und mir erlaubt, mutiger mit
besonderen Farbkombinationen und Texturen zu experimentieren.

Welchen Themen fühlst du dich am meisten hingezogen, wenn du für junge Leser
kreierst?
Grundsätzlich illustriere ich Bücher natürlich genauso gerne zur reinen
Unterhaltung oder zum bloßen Betrachten der Bilder. Für mich persönlich ist es
aber besonders schön, wenn ein Buch darüber hinaus eine weitere, emotionale
Ebene besitzt. In meiner Arbeit finden sich daher oft sensible Themen, die mich
selbst berühren und inspirieren. Ich möchte Kindern Räume bieten, in denen sie
ihre eigene Gefühlswelt entdecken können. Ein Buch ist für mich eine
wunderbare Möglichkeit für Kinder und Eltern, Zeit miteinander zu verbringen,
die Fantasie anzuregen und über Themen ins Gespräch zu kommen, für die man
im Alltag vielleicht nicht immer die richtigen Worte findet. Gemeinsames Lesen
ist eine der schönsten Arten, sich miteinander zu verbinden.
„Das Haus zieht aus“ behandelt Themen wie das Verlassen und Zurückkehren –
haben deine eigenen Erfahrungen die Entstehung dieser Geschichte beeinflusst?
In Das Haus zieht aus steckt sehr viel von meiner eigenen Lebensrealität.
Während der Arbeit an dem Projekt bin ich nach zehn Jahren Hamburg in eine
neue Stadt gezogen. Das gewohnte Umfeld zu verlassen, erfordert Mut – aber
ich sage immer: Neues zu erkunden ist wie Durchlüften; man braucht manchmal eine frische Brise für neue Perspektiven. Die Faszination für Häuser begleitet mich schon lange: Mein Großvater war Architekt, mein Mann ist es auch. Die Idee der „gehenden Häuser“ entstand aus einem Gefühl heraus, als mir der Trubel der Großstadt – besonders während der Pandemie – zu viel wurde. Inspiriert hat uns dazu übrigens das Gestalten-Buch Hit the Road, das uns erst auf die Idee mit dem Dachzelt-Reisen gebracht hat. Letztlich ist es eine Geschichte über das Weggehen, um das Ankommen neu zu schätzen.
Könntest du uns beschreiben, wie sich ein Projekt normalerweise bei dir
entwickelt, von der ersten Intuition oder Idee bis zum fertigen Buch?
Jedes Buchprojekt ist für mich wie ein eigener kleiner Kosmos, und die
Entstehung verläuft immer unterschiedlich. Manchmal wächst eine Geschichte
aus einer einzelnen Illustration, manchmal aus einem Textfragment. Im Fall von
Das Haus zieht aus war es das Thema des Absurden: Was ist absurder als
gehende Häuser? Sobald die Grundidee steht, überlege ich mir die Bewohner
und schreibe passende Reime. Wenn das Storyboard steht, beginne ich mit den
Illustrationen. Dabei lasse ich mir die Freiheit, ob ein Projekt analog oder digital
umgesetzt wird. Anders als viele Kollegen mache ich dabei kaum klassische
Probeillustrationen. Stattdessen fertige ich zwar viele Skizzen an, gehe dann
aber bei den Ausarbeitungen direkt mit der Intention vor, dass diese ein finaler
Teil des Buches werden könnten. Daraus resultiert für mich meist ganz
organisch der richtige Weg.
Deine Arbeit findet sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen Anklang – wie
gehst du daran, Geschichten zu kreieren, die die Fantasie junger Leser nähren und gleichzeitig Tiefe und Reflexion für ein älteres Publikum bieten?
Ich sehe es als eine Selbstverständlichkeit, meine Bücher auch für Eltern
ansprechend zu gestalten – schließlich wählen sie das Buch im ersten Schritt
aus. Für mich schließt das eine das andere keinesfalls aus. Ich bewege mich
selbst in einem Umfeld von Menschen, die schöne und kunstvolle Bücher lieben
und sammeln. Gerade Menschen, die Design und Ästhetik schätzen, möchten
ihren Kindern Bücher vorlesen, die sowohl visuell als auch inhaltlich Tiefe
besitzen. Ich strebe eine Ästhetik an, die keine Kompromisse macht und beide
Generationen anspricht.

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